Bonn richtet Asylunterkünfte für Kölner Schauspieler ein | Rheinische Tagespost

Bonn richtet Asylunterkünfte für Kölner Schauspieler ein

Neues Parkkonzept wird erprobt. Foto: Alexander Blum (www.alexanderblum.de)

Geflüchtete Schauspieler und Opernsänger auf der A 555
Foto: Alexander Blum (www.alexanderblum.de)

Köln / Bonn – Es ist ein kultureller Exodus… Unfassbare Szenen spielen sich derzeit am Bonner Verteilerkreis ab. Bis zum Horizont erstreckt sich die Schlange, die über die A 555 aus Köln in Richtung Bonn zieht. Autos, Laster, Bühnenwagen sind unterwegs, viele bis zum Anschlag beladen mit ehemals prächtigen Bildnissen und Skripten von Aufführungen. Sie werden gefahren von Schauspielern und Sängern in zerrissenen Kostümen.

Mit schwerem Schritt verlassen sie die zertrümmerte Kölner Kulturlandschaft, ziehen nach Aachen, Düsseldorf – und vor allem gen Bonn.Viele der jetzt Heimatlosen sind gezeichnet vom Zusammenbruch der Kölner Bühnen, rezitieren geschockt oder stammeln zusammenhanglos Passagen aus Werken, die sie ab November eigentlich spielen sollten.  Seit klar ist, dass das Kölner Opernhaus weiterhin eine Ruine bleibt, die Schauspieler aber nirgendwo hin können, flüchten immer mehr aus den Kultur-Wirren der Domstadt. „Dort gibt es nichts mehr für uns“, schluchzt Sopranistin Constanze R. „Die haben sogar einfach die Mietverträge unserer Zwischenheime gekündigt. Wir werden vertrieben, wissen nicht, wohin sonst in Köln.“

In Bonn erwarten sie zwar helfende Hände, es gibt zur Begrüßung Blumensträuße, Sekt, Skripte und Bühnenapplaus. „Wir wollen, dass sich die Flüchtlinge wie zu Hause fühlen“, erklärt Sprecher Stanislaw Krapak von der Initiative „Kultur ist keine Ruine“. Doch die Helfer kommen kaum hinterher, alle Flüchtlinge zu registrieren und Heime zu suchen. „Es sind einfach zu viele“, sagt er.

In der neu geschaffenen Asylunterkunft, in einem alten Studentenheim an der Theaterstraße, zwischen Beethovenhalle und Oper, sitzt Schauspieler Holger R., Früher war er einmal der Kaufmann von  Venedig, jetzt gerade hat er es sich im unteren Teil eines Stockbetts bequem gemacht. In seiner zitternden Hand, eine abgegriffene Reclam-Ausgabe von „König Lear“.  „Es ist bitter“, sagt der 39-Jährige. „Eigentlich sollte ich im November auftreten.“ Und jetzt? „Bonn ist  unsere einzige Chance.“ Viele hätten gehört, dass es in Bonn noch ein funktionierendes Theater und eine Opernsystem gibt, vielleicht sogar eine neue Anstellung… Doch für viele wird es ein Traum bleiben. Er seufzt: „Glückselig der, dessen Welt innerhalb des Hauses ist!

Im Bonner Stadtrat, der für eine Sondersitzung zusammen fand, debattiert man zur Stunde noch kräftig. Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch schlägt eine Fusion der Opernstandorte aus humanitären Gründen vor, um das Leid der Flüchtlinge zu mindern. „Sie könnten in Bonn spielen, formal würden sie weiterhin als Kölner Schauspieler auftreten.“ Zudem würde der Vorschlag auch beiden Städten mehrere Millionen Euro alleine an Sanierungskosten sparen. Schließlich muss auch die Bonner Oper und die Beethovenhalle saniert werden… Andere Ratsherren lehnen die Idee ab, sehen Berlin in der Verantwortung.

Die Vertreibung der Kölner Schauspieler – auf der ganzen Welt ruft sie Empörung hervor. In Köln, wo derzeit heftige politische Grabenkämpfe um den Posten des Oberbürgermeisters toben, wiegelt man ab. „Das sind alles falsche Unterstellungen und Übertreibungen“, schimpft man dort. „Wir haben die Lage im Griff. Wir werden schon irgendwo ein Reservat für unsere Schauspieler und Sänger finden, damit die Ruhe geben und auftreten können. Und wir verbitten uns Einmischung von Nicht-Kölnern! Es kommt eben, wie es kommt, und es ist noch immer gut gegangen.“

 

 

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